Wie sieht die Zukunft der Volkshochschule aus?

Fachbeitrag

Brauchen wir noch Volkshochschulen?

Die Volkshochschule zwischen Krise und Erneuerung – Zukunft gestalten
Dietmar Lehmann  •  18.08.2026
Wie sieht die Zukunft der Volkshochschule aus?

Unser Fraktionsmitglied Dietmar Lehmann, langjähriger ehemaliger Direktor der Volkshochschule und heute Mitglied der Verbandsversammlung, beschäftigt sich in seinem Fachbeitrag mit den Herausforderungen und Perspektiven der VHS Minden/Bad Oeynhausen.

Sein Beitrag versteht sich als Impuls für die notwendige politische Diskussion über Auftrag, Struktur und Zukunft der kommunalen Weiterbildung. Wir stellen ihn hier vollständig zur Diskussion.

Brauchen wir im Zeitalter von künstlicher Intelligenz, digitalen Lernplattformen und jederzeit verfügbarem Online-Wissen überhaupt noch Volkshochschulen? Oder zugespitzt gefragt: Was rechtfertigt heute noch erhebliche öffentliche Investitionen in eine Bildungseinrichtung, die immer weniger Menschen erreicht — und ausgerechnet jene oft nicht erreicht, die auf Bildungszugänge besonders angewiesen sind?

Diese Frage mag provokant erscheinen. Aus kommunalpolitischer Sicht gewinnt sie jedoch angesichts angespannter Haushalte, wachsender Defizite und konkurrierender Pflichtaufgaben zunehmend an Schärfe.

Im Kern geht es um eine politische Grundsatzentscheidung. Welchen Stellenwert messen wir öffentlich verantworteter Weiterbildung vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels, steigende Erwartungen und knapper werdende finanzielle Ressourcen künftig bei?

Sind Volkshochschulen ein Auslaufmodell oder bleiben sie in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft ein unverzichtbarer Ort für Bildungsgerechtigkeit, Integration, gesellschaftliche Teilhabe und demokratischen Zusammenhalt?

Am Beispiel des Zweckverbandes Volkshochschule Minden soll exemplarisch aufgezeigt werden, vor welchen Herausforderungen kommunale Weiterbildung heute steht und welche politischen Weichenstellungen erforderlich sind, um sie zukunftsfähig zu machen.

Gesellschaftlicher Wandel und neue Bildungsanforderungen

Der Zweckverband Volkshochschule Minden erfüllt als kommunale Weiterbildungseinrichtung eine zentrale Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge. Mit seinen vielfältigen Bildungsangeboten trägt er wesentlich zur Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit der Region bei. Jahr für Jahr wird das Programm aktualisiert und an verändernden Bedarfen und individuellen Bedürfnissen angepasst. Mit seinen 17 Schulstandorten, rund 240 Beschäftigten, nahezu 2.000 betreuten Kindern im Offenen Ganztag ist der Zweckverband Volkshochschule Minden darüber hinaus ein zentraler Akteur der kommunalen Bildungslandschaft.

Gegenwärtig steht der Zweckverband Volkshochschule Minden jedoch vor tiefgreifenden strukturellen, finanziellen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die weit über eine bloße Fortschreibung und Aktualisierung bestehender Programme hinausgehen.

Diese Entwicklungen sind keineswegs vorübergehende Erscheinungen, sondern Ausdruck eines grundlegenden Transformationsprozesses, der das Selbstverständnis, die Arbeitsweise und die Rolle kommunaler Weiterbildung nachhaltig verändert.

Wenn Bildung überall stattfindet

Wissen ist heute nahezu jederzeit und überall digital verfügbar. Künstliche Intelligenz, digitale Lernplattformen und frei zugängliche Bildungsangebote ermöglichen individuelle Lernprozesse, die zeitlich, räumlich und inhaltlich weitgehend unabhängig von klassischen Bildungseinrichtungen stattfinden können. Lernen wird zunehmend selbstgesteuert, anlassbezogen und lebensbegleitend. Damit verändert sich nicht nur die Art des Lernens, sondern auch die Erwartung an Bildungsinstitutionen.

Weniger Junge, mehr Ältere

Parallel dazu verschärft der demografische Wandel den Anpassungsdruck. Die Bevölkerung altert, während die Zahl jüngerer Menschen langfristig zurückgeht. Für den Zweckverband Volkshochschule Minden bedeutet dies, seine Angebotsplanung strategisch stärker an den unterschiedlichen Bildungsbedarfen der Generationen auszurichten. Ältere Menschen gewinnen als zentrale Zielgruppe der Weiterbildung weiter an Bedeutung, gleichzeitig müssen jüngere Menschen mit zeitgemäßen Angeboten und lebensweltorientierten Formaten wieder stärker erreicht werden.

Bildung verliert ihre Stammkundschaft

Hinzu kommt ein grundlegender gesellschaftlicher Wertewandel. Wo früher kulturelle Teilhabe, gemeinschaftliches Engagement und persönliche Bildung selbstverständlich zum Selbstverständnis vieler Menschen gehörten, prägen heute stärker individualisierte Lebensstile, digitale Kommunikationsformen und eine ausgeprägte Erlebnisorientierung das Freizeitverhalten. Der Zweckverband Volkshochschule Minden/Bad Oeynhausen verliert schrittweise jene Zielgruppen, die über Jahrzehnte das Fundament ihrer Bildungsarbeit bildeten.

Bildung erreicht nicht alle

Rückläufige Teilnehmerzahlen der Volkshochschule Minden/Bad Oeynhausen lassen sich jedoch nicht allein durch ein verändertes Lernverhalten oder den Verlust tragender Zielgruppen erklären. Sie verweisen zugleich auf eine weiterhin selektive Bildungsbeteiligung. Insbesondere bildungsferne Menschen, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie Teile der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte werden trotz zahlreicher Bemühungen vielerorts weiterhin nicht in dem Maße erreicht, wie es ihrem gesellschaftlichen Bildungsbedarf entsprechen würde.

Zusammenhalt wird zur Herausforderung

Darüber hinaus ist der Zweckverband Volkshochschule Minden/Bad Oeynhausen – wie auch die Volkshochschulen insgesamt – mit neuen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der konstruktive Umgang mit Diversität sowie die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung gehören heute zu den zentralen Zukunftsaufgaben. Daraus ergeben sich zugleich neue Anforderungen an das Selbstverständnis und die eigenen Werteorientierungen der Volkshochschulen.

Neue Orte für eine veränderte Gesellschaft

Gerade in Zeiten der gesellschaftlichen Verunsicherung steht der Zweckverband gleichzeitig auch vor der Aufgabe, ihre organisatorischen und strukturellen Rahmenbedingungen an veränderte Erwartungen anzupassen. Angesichts zunehmender sozialer Isolation, gesellschaftlicher Polarisierung und eines schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalts gewinnen sogenannte „Dritte Orte“ zunehmend an Bedeutung. Hier sind Volkshochschulen gefordert, sich stärker als offene, niedrigschwellige Orte des Lernens, der Begegnung und des gesellschaftlichen Dialogs neu zu positionieren.

Die Befunde sind bekannt – der Handlungsdruck wächst.

Die hier skizzierten Herausforderungen sind seit Langem bekannt und umfassend beschrieben. Die vorliegenden Befunde machen zugleich deutlich, dass es längst nicht mehr um ein einzelnes zentrales Thema geht. Vielmehr vollzieht sich gesellschaftlicher Wandel parallel auf unterschiedlichen Ebenen.

Die eigentliche Herausforderung besteht daher heute weniger in der Diagnose der bekannten Problemlagen als vielmehr darin, tragfähige Antworten zu entwickeln und den öffentlichen Bildungsauftrag der Volkshochschulen unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

Finanzielle Rahmenbedingungen und kommunale Verantwortung

Eine notwendige strategische Erneuerung vollzieht sich jedoch unter zunehmend schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen. Steigende Personal-, Sach- und Energiekosten treffen auf angespannte kommunale Haushalte.

Zwar wird die Bedeutung der Volkshochschulen für Bildung, Integration, gesellschaftliche Teilhabe und den demokratischen Zusammenhalt auf der politischen Ebene regelmäßig betont. Ein klares und belastbares politisches Bekenntnis zu ihrer langfristigen finanziellen Absicherung bleibt jedoch vielerorts aus.

Hinzu kommt, dass die kommunale Weiterbildung auf Landesebene bereits seit Jahren strukturell unterfinanziert ist. Veränderte Zuwanderungsdynamiken sowie geänderte Förderbedingungen bei Sprach- und Integrationskursen verschärfen diese Situation zusätzlich. Gerade diese Angebotsbereiche haben in der Vergangenheit wesentlich zur wirtschaftlichen Stabilität des Zweckverbandes beigetragen.

Angesichts dieser Entwicklungen geraten die Verantwortlichen der Volkshochschule zunehmend unter Druck. Vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltslage der Mitgliedskommunen werden Forderungen nach Einsparungen, und einer konsequenten Haushaltskonsolidierung immer lauter. Gleichzeitig wächst der Legitimationsdruck, den Einsatz öffentlicher Mittel nachvollziehbar zu begründen und den gesellschaftlichen Nutzen der Volkshochschule überzeugend nachzuweisen.

Strategische Neuausrichtung als Zukunftsaufgabe

Treffen die zuvor skizzierten Befunde zu, reicht es für die Verantwortlichen des Zweckverbandes Volkshochschule Minden nicht mehr aus, das bisherige Selbstverständnis fortzuschreiben bzw. punktuell anzupassen.

Erforderlich ist vielmehr eine strategische Neuausrichtung, die den tiefgreifenden gesellschaftlichen, digitalen und demografischen Veränderungen ebenso Rechnung trägt wie den Erwartungen der Mitgliedskommunen an eine wirtschaftlich tragfähige Aufgabenerfüllung.

Aus diesen Herausforderungen zeichnen sich folgende Lösungsansätze für eine zukunftsfähige Neuausrichtung ab:

Digitale Transformation aktiv gestalten

Die Vermittlung von Kompetenzen, die Menschen befähigen, sich in einer sich wandelnden Gesellschaft selbstständig und sicher zu bewegen, gehört seit jeher zum Kernauftrag der Volkshochschule. Neu ist hingegen die Dynamik, mit der sich die Möglichkeiten digitalen Lernens in den vergangenen Jahren entwickelt haben.

Digitale Lernplattformen, Apps und KI-gestützte Bildungsangebote verändern die Rahmenbedingungen des Lernens grundlegend. Sie ermöglichen zeit- und ortsunabhängiges Lernen und treten zunehmend in Konkurrenz zu traditionellen Kursformaten der Volkshochschulen. Wissen ist heute schneller, einfacher und nahezu jederzeit verfügbar.

Diese Entwicklung verändert die Rolle der Volkshochschulen nachhaltig. Sie verlieren ihre jahrzehntelang nahezu selbstverständliche Rolle als zentrale Vermittler von Wissen. Damit stellt sich zugleich die Frage, ob Volkshochschulen in ihrer bisherigen Funktion als Institution des Lernens noch zeitgemäß sind, wenn die reine Vermittlung von Wissen zunehmend an Bedeutung verliert.

Der Zweckverband Volkshochschule Minden muss daher differenziert reflektieren, wie er die Digitalisierung in den verschiedenen Handlungsfeldern aktiv gestaltet und zugleich seinen Bildungsauftrag gerecht werden kann, Offenheit für alle zu gewährleisten, demokratische Teilhabe zu fördern und soziale Integration zu stärken.

Dabei geht es nicht darum, bewährte Aufgaben der Volkshochschule aufzugeben. Auch künftig wird es darum gehen, Menschen beim Erwerb digitaler Kompetenzen zu unterstützen und ihnen Orientierung im Umgang mit digitalen Technologien zu geben.

Daraus ergibt sich ein klarer politischer Auftrag. Der Zweckverband Volkshochschule Minden muss seine Angebotsstrukturen, Lernformate und didaktischen Konzepte konsequent weiterzuentwickeln.

Es gilt, KI-bezogene Bildungsangebote gezielt zu integrieren, Lernformate stärker zu modularisieren sowie Präsenz-, Online- und hybride Angebote sinnvoll miteinander zu verbinden. Damit dies gelingt, ist Politik gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Darüber hinaus muss der Zweckverband seine Angebotsstrukturen zeitlich deutlich flexibler gestalten. Ziel sollte sein, den unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsrealitäten der Menschen besser gerecht zu werden und neue Zielgruppen zu erschließen, die mit klassischen Semesterkursen nur noch eingeschränkt erreicht werden. Starre Semesterstrukturen und langfristig angelegte Kursreihen werden diesen Anforderungen immer weniger gerecht.

In einer Welt, in der Informationen im Überfluss vorhanden sind, wird zugleich nicht mehr der bloße Zugang zu Wissen zur entscheidenden Ressource, sondern die Fähigkeit, Informationen kritisch zu prüfen, einzuordnen und verantwortungsvoll zu nutzen. Orientierung, Urteilsfähigkeit und Reflexionskompetenz gewinnen gegenüber der reinen Wissensvermittlung zunehmend an Bedeutung. Gerade in Zeiten zunehmender Desinformation sind Volkshochschulen hier in besonderer Weise gefordert.

Darüber hinaus erfordert die Entwicklung neuer digitaler und KI-bezogener Angebotsstrukturen entsprechend qualifizierte Lehrbeauftragte, die sowohl über die erforderlichen fachlichen als auch über methodisch-didaktische Kompetenzen verfügen. Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre wird daher darin bestehen, geeignete Dozentinnen und Dozenten mit entsprechenden digitalen Kompetenzen zu gewinnen und langfristig zu binden.

Generationengerechtigkeit als Zukunftsauftrag

Volkshochschulen stehen vor einer weiteren doppelten Herausforderung: Durch den demografischen Wandel gibt es zahlenmäßig weniger jüngere Menschen, zugleich werden sie für die Volkshochschulen schwerer erreichbar. Vor allem für jüngere Generationen verlieren klassische Kursformate, institutionelle Zugangswege und traditionelle Kommunikationsmuster zunehmend an Attraktivität und lebensweltlicher Anschlussfähigkeit. Gleichzeitig konkurrieren Volkshochschulen mit neuen, insbesondere digitalen Bildungsanbietern, die vermeintlich näher an den Lebenswelten und Nutzungsgewohnheiten jüngerer Menschen erscheinen.

Volkshochschulen werden somit insbesondere von jüngeren Menschen nicht mehr selbstverständlich als attraktiver und zeitgemäßer Bildungsort wahrgenommen. Was für frühere Generationen selbstverständlich war, erscheint heute nicht mehr zeitgemäß.

Gleichzeitig wächst der Anteil älterer Menschen und damit auch die Bedeutung von Bildungsangeboten, die gesellschaftliche, kulturelle und digitale Teilhabe im Alter ermöglichen. Ältere Menschen werden damit zu einer zunehmend wichtigen Zielgruppe der Weiterbildung, die es angesichts des demografischen Wandels neu zu entdecken und anzusprechen gilt.

Der Auftrag kommunaler Weiterbildung verändert sich dadurch und erfordert eine Neuausrichtung der Markt- und Angebotsstrategien. Von jungen Erwachsenen über Familien und Berufstätige bis hin zu älteren Menschen entstehen zunehmend unterschiedliche Anforderungen an Bildung, Orientierung und gesellschaftliche Teilhabe.

Im Rahmen einer generationengerechten Bildungspolitik darf vom Zweckverband Volkshochschule Minden daher erwartet werden, seine Bildungsangebote stärker an den unterschiedlichen Lebenslagen und Bedürfnissen der Generationen auszurichten.

Damit die Volkshochschule zukunftsfähig bleibt, gilt es insbesondere, jüngere Zielgruppen mit einer zeitgemäßen Ansprache und attraktiven, lebensnahen Angeboten stärker zu erreichen und für die VHS zu gewinnen.

Zugangsbarrieren müssen systematisch abgebaut und neue Formen der Ansprache mit unterschiedlichen Zugängen, flexiblen Lernformaten und einer bewussten Verbindung von Präsenz, digitalem Lernen und persönlicher Begegnung erschlossen werden.

Allerdings geht es nicht allein darum, altersspezifische Lernbedarfe aufzugreifen. Die Volkshochschule sollte zugleich als generationsübergreifender Ort des Lernens und des Austauschs verstanden werden, an dem Menschen unterschiedlichen Alters zusammenkommen, voneinander lernen und miteinander ins Gespräch kommen. So kann sie Begegnung ermöglichen, Vorurteile abbauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Volkshochschule als offener Ort der Begegnung und des Lernens stärken

Gerade weil traditionelle Orte sozialer Interaktion und gemeinschaftlicher Wertvermittlung zunehmend an Bindungskraft verlieren, während soziale Isolation und Einsamkeit an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen, gilt es, verstärkt Räume zu schaffen und zu fördern, die Begegnung, Teilhabe und sozialen Zusammenhalt ermöglichen.

Der Umstand, dass sich Volkshochschule und Stadtbibliothek im selben Gebäude befinden, eröffnet dem Zweckverband hervorragende Möglichkeiten, beide Einrichtungen zu einem gemeinsamen Ort für Bildung, Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe weiterzuentwickeln.

Hierfür bietet das Konzept des „Dritten Ortes“ den zentralen strategischen Bezugsrahmen. Erste Überlegungen zur inhaltlichen und baulichen Umsetzung des Konzepts wurden bereits angestoßen. Nun gilt es, diese konsequent und systematisch weiterzuentwickeln und in ein tragfähiges Gesamtkonzept zu überführen.

Gleichzeitig sollten Volkshochschule und Stadtbibliothek Minden organisatorisch enger verzahnt werden, um Steuerungsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Transparenz zu stärken und vorhandene Synergien konsequenter zu nutzen.

Politik und Verwaltung sind gefordert, die notwendigen strukturellen, finanziellen und planerischen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Volkshochschule und Stadtbibliothek gemeinsam zu einem „Dritten Ort“ für Bildung, Begegnung, demokratische Teilhabe und sozialen Zusammenhalt weiterentwickelt werden können.

Sozialraum als neuer Bildungsort

Mit ihren 17 Schulstandorten, rund 240 Beschäftigten und nahezu 2.000 betreuten Kindern hat sich die Volkshochschule Minden/Bad Oeynhausen bereits früh über das klassische Verständnis einer Weiterbildungseinrichtung hinaus zu einem bedeutenden kommunalen Bildungsdienstleister entwickelt.

Vor diesem Hintergrund wächst die politische Erwartung an Volkshochschulen, ihr Profil als sozial-räumlich verankerte Bildungsakteure weiter zu schärfen. Bildung muss künftig sichtbarer, alltagsnäher und niedrigschwelliger organisiert werden. Von der Volkshochschule sollte daher erwartet werden, ihre Bildungsarbeit noch stärker in schulische, familiäre und sozialräumliche Netzwerke einzubetten und neue Zugänge zu bislang schwer erreichbaren Zielgruppen zu schaffen.

Insbesondere Schulen gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung – nicht nur als Lernorte, sondern als Begegnungsorte und sozialräumliche Ankerpunkte in den Stadtteilen und Quartieren. Hier eröffnet sich für den Zweckverband Volkshochschule Minden neue Möglichkeiten einer aufsuchenden Bildungsarbeit. Angebote der Eltern- und Familienbildung sowie quartiersbezogene Bildungsangebote können unmittelbar dort stattfinden, wo Menschen ihren Alltag verbringen.

Ziel muss es sein, insbesondere bildungsferne und bislang unterrepräsentierte Zielgruppen dort zu erreichen, wo sie leben, lernen und sich begegnen. Weiterbildung muss daher künftig stärker aufsuchend, niedrigschwelliger und sozialräumlich organisiert werden. Erwartet wird, dass der Zweckverband als vernetzender Bildungsakteur Brücken zwischen formaler Bildung, non-formalem Lernen und sozialer Teilhabe schlägt.

Gleichzeitig sind Politik und Verwaltung gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und die Volkshochschule dabei zu unterstützen, ihre sozialräumlichen Kooperationsstrukturen weiter auszubauen und damit ihre Rolle als zentrale Bildungs- und Begegnungsorte zu stärken.

Interkommunale Kooperation und strategische Vernetzung

Mit der Fusion des Zweckverbandes Volkshochschule Minden und der Volkshochschule Bad Oeynhausen im Jahr 2012 wurde bereits ein wichtiger Schritt interkommunaler Zusammenarbeit vollzogen. Vor dem Hintergrund wachsender finanzieller Herausforderungen, veränderter Bildungsbedarfe und der digitalen Transformation sollte nun in einem nächsten Schritt geprüft werden, wie die Volkshochschule als kommunaler Bildungsdienstleister strukturell und inhaltlich weiter gestärkt werden kann.

Bildung muss künftig gemeinsam und vernetzt gedacht werden. Entscheidend ist nicht der isolierte Blick auf einzelne Bildungseinrichtungen, sondern darauf, welchen Beitrag eine vernetzte Bildungslandschaft für die Menschen in der Region leisten kann.

Ein zentraler Prüfauftrag könnte darin bestehen, die Möglichkeiten einer engeren Verzahnung mit den Musikschulen und Bibliotheken der Mitgliedskommunen systematisch zu untersuchen. Beispiele aus anderen Kommunen zeigen, dass kooperative Modelle zwischen Volkshochschule, Bibliothek und Musikschule erhebliche Synergieeffekte erzeugen können – sowohl im Hinblick auf gemeinsame Infra-struktur, effizientere Verwaltungsstrukturen und abgestimmte Öffentlichkeitsarbeit als auch bei der Entwicklung innovativer Bildungsangebote.

Ein solcher Prüfprozess sollte nicht allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Vielmehr geht es um die strategische Frage, welche Rolle die Volkshochschule künftig als kommunaler Bildungsdienstleister übernehmen soll und wie sie dafür zukunftsfähig aufgestellt werden kann.

Demokratie braucht Bildungsorte

Im kommunalpolitischen Diskurs wird häufig unterschätzt, welche zentrale Bedeutung Volkshochschulen angesichts wachsender sozialer Spaltungen, zunehmender Demokratieskepsis und sich verfestigender Bildungsungleichheiten zukommt. Volkshochschulen sind längst mehr als reine Anbieter von Weiterbildungskursen. Als öffentlich finanzierte Einrichtungen kommunaler Daseinsvorsorge tragen sie eine besondere Verantwortung für Bildung, Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Daraus erwächst die politische Erwartung, dass Volkshochschulen Bildungs- und Teilhabestrukturen aktiv mitgestalten und sich als Orte demokratischer Kultur positionieren. Gerade dort, wo soziale Ausgrenzung zunimmt, gesellschaftliche Polarisierung wächst und demokratische Teilhabe gefährdet ist, sollen Volkshochschulen Räume für Begegnung, Dialog, kritische Auseinandersetzung und gemeinsames Lernen schaffen. Demokratie braucht Bildungsorte, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, Debatten respektvoll geführt und gesellschaftliche Konflikte konstruktiv bearbeitet werden können.

Von der Volkshochschule Minden/Bad Oeynhausen wird daher erwartet, sich den zentralen Fragen und Herausforderungen der Gegenwart kontinuierlich zuzuwenden und gesellschaftliche Entwicklungen aktiv aufzugreifen. Die strategische Zukunft der Volkshochschule liegt damit zunehmend in ihrer Rolle als Orientierungsgeber: als Institution, die Menschen befähigt, Wandel nicht nur zu verstehen, sondern ihn kompetent, verantwortungsvoll und selbstbestimmt mitzugestalten.

Politik sollte von Volkshochschulen erwarten, dass sie Bildung in einem umfassenden Sinne verstehen: als Befähigung zur Orientierung, zur kritischen Urteilsbildung, zur demokratischen Mitwirkung und zur aktiven Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft. In diesem Verständnis bleibt die Volkshochschule ein unverzichtbarer Ort gelebter Demokratie.

Wirkungsorientierte Steuerung und gesellschaftlicher Nutzen

Die Antwort der Volkshochschule auf den wachsenden Konsolidierungs- und Legitimationsdruck kann nicht in pauschalen Einsparungen bestehen. Ökonomisierungstendenzen, die den Bildungsauftrag auf kurzfristige Kosteneffekte und ökonomische Verwertbarkeit reduzieren, ist entgegenzutreten. Wirtschaftlichkeit bleibt eine notwendige Voraussetzung verantwortungsvoller Aufgabenerfüllung, darf aber nicht zum alleinigen Maßstab für den Wert kommunaler Weiterbildung werden.

Die Zukunft der Volkshochschule Minden/Bad Oeynhausen wird sich daher nicht allein an Teilnehmerzahlen, Kursstunden oder Kostendeckungsgraden entscheiden. Maßgeblich ist vielmehr, ob es gelingt, die Volkshochschule als lebendigen Bestandteil der kommunalen Bildungslandschaft neu zu denken: als Dritten Ort, als sozialräumlichen Anker sowie als demokratischen Lern- und Begegnungsraum.

Die Volkshochschule muss dabei nachvollziehbar darlegen, welche innovativen Lösungsansätze sie entwickelt, welche gesellschaftlichen Wirkungen sie erzielt und welchen konkreten Beitrag sie zur Bewältigung der Herausforderungen des digitalen, demografischen und gesellschaftlichen Wandels leistet. Dazu gehört auch, den eigenen gesellschaftlichen Mehrwert anhand geeigneter Wirkungs- und Qualitätsindikatoren sichtbar zu machen bzw. ihren öffentlichen Mehrwert überzeugend nachzuweisen.

Eine wirkungsorientierte Steuerung schafft Transparenz darüber, welchen konkreten Beitrag kommunale Weiterbildung für die Entwicklung der Region leistet. Sie ermöglicht eine fundiertere politische Prioritätensetzung, macht die gesellschaftliche Bedeutung der Volkshochschule sichtbar und bietet zugleich eine belastbarere Grundlage für die Entscheidung, öffentliche Mittel dort einzusetzen, wo sie langfristig die größte Wirkung für die Menschen und die Region entfalten.

Ohne eine nachvollziehbare Wirkungs- und Nutzenanalyse bleiben sowohl die den Volkshochschulen von Politik und Gesellschaft zugeschriebenen Aufgaben als auch ihre eigenen Selbstbeschreibungen letztlich weitgehend normativ.

Gleichzeitig kann der Nachweis gesellschaftlicher Wirkung nicht von der wirtschaftlichen und organisatorischen Leistungsfähigkeit entkoppelt werden. Wirtschaftlichkeit ist zwar nicht der alleinige Maßstab für die Zukunftsfähigkeit einer Volkshochschule, bleibt aber eine zentrale Voraussetzung verantwortungsvoller Aufgabenerfüllung.

Dazu sind Instrumente wie Kostenrechnung, Budgetplanung und Controlling ebenso konsequent zu nutzen wie eine leistungsfähige Organisationsstruktur, eine klare Aufgabenverteilung und eine bedarfsgerechte Ausgestaltung der personellen Ressourcen. Stellenstrukturen und Arbeitsabläufe müssen regelmäßig daraufhin überprüft werden, ob sie den veränderten Anforderungen entsprechen und eine effiziente Aufgabenerfüllung ermöglichen.

Ziel muss sein, die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der Volkshochschule nachhaltig zu sichern und ihre Rolle als zentraler Akteur kommunaler Bildungsarbeit zu stärken.

Damit Bildung Zukunft hat

Der Zweckverband Volkshochschule Minden steht – wie viele Volkshochschulen auch – massiv unter Druck, seine Rolle als offene und unabhängige Bildungseinrichtung unter veränderten gesellschaftlichen, finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen neu zu definieren.

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Zukunftsfähigkeit des Zweckverbandes allein als Frage seiner eigenen Innovations- und Anpassungsfähigkeit zu betrachten. Politik und kommunale Träger müssen vielmehr entscheiden, welche Rolle „ihre“ Volkshochschule künftig im kommunalen Bildungsgefüge einnehmen soll, welchen Stellenwert sie der öffentlichen Weiterbildung beimessen und welchen finanziellen Beitrag sie dauerhaft für die Sicherung und Weiterentwicklung des Zweckverbandes Volkshochschule Minden zu leisten bereit sind.

Die Krise der Volkshochschule ist zugleich eine Chance zur Erneuerung – vorausgesetzt, Politik, Träger und Gesellschaft bringen den Mut auf, ihren Bildungsauftrag unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen neu zu definieren und dauerhaft abzusichern.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir Volkshochschulen künftig noch brauchen, sondern welche Volkshochschule unsere Gesellschaft in Zukunft braucht.

Von den Mitgliedskommunen ist daher ein eindeutiges Bekenntnis zur Volkshochschule als unverzichtbarer Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge zu erwarten. Weiterbildung muss als strategische Zukunftsaufgabe verstanden und entsprechend priorisiert werden. Dazu gehören eine verlässliche Finanzierung, langfristige Planungssicherheit sowie ausreichende Investitionen in Personal, Digitalisierung und innovative Angebotsstrukturen.

Politik sollte von „ihren“ Volkshochschulen zugleich erwarten, dass sie dem gesellschaftlichen Wandel mit Resilienz, Innovationsbereitschaft und Entwicklungsfreude begegnen. Wo dies gelingt, bleiben Volkshochschulen auch künftig unverzichtbare Orte des Lernens, der Orientierung, der Begegnung und der demokratischen Teilhabe.

Fachbeitrag von Dietmar Lehmann
Veröffentlicht am 18. August 2026

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